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Öko-Marketingtage 2022: Gemeinsam Richtung 30% Bio

Aktualisiert: 28. Okt.

Am 12. und 13. Oktober trafen sich Marktakteure, Verbandsvertreter und Marktexperten zu den V. Öko-Marketingtagen auf Schloss Kirchberg. „30 Prozent Bio und mehr – die Marktentwicklung resilient gestalten“, lautete das Tagungsthema dieses Jahr.

Die Spitzen von IFOAM EU, Bioland, Demeter, Naturland, Biokreis, BÖLW, AöL und BNN stellten sich gemeinsam mit Führungskräften aus Handel- und Unternehmenskreisen der Diskussion, wie und unter welchen Voraussetzungen das 30% Ziel erreicht werden kann. „Bio ist kein Luxus, sondern Notwendigkeit“! Darin waren sich alle einig.


Lebhafte Diskussion im Workshop "Mehrwert und Gemeinwohlleistungen von Bio kommunizieren". Foto Karin Heinze, BiO Reporter International

In der aktuellen Multi-Krise erscheint das Ziel des Koalitionsvertrages, 30 % Ökolandbaufläche bis zum Jahr 2030 zu erreichen, sehr ambitioniert bis unmöglich. Die Zahl der Umsteller stagniert, der Bio-Absatz und -Umsatz sind rückläufig, die Preissteigerungen für Energie, Verpackungen etc. schlagen sich in allen Ebenen der Wertschöpfungskette niederund machen allen zu schaffen. Aber! Gerade jetzt und jetzt erst recht, so war der Tenor quer durch die Reihen der Referenten! Denn, apropos "Mehrfachkrise": Die Bio-Branche reklamiert die Öko-Transformation schon lange und immer wieder. Auch in den Chefetagen des klassischen Handels und in der Politik hat man verstanden, dass der ökologische Umbau der Land- und Ernährungswirtschaft effektive Lösungen für drängende Probleme bietet, den Klimawandel eindämmt, einen wirkungsvollen Beitrag zur gesünderen Ernährung und zur Gesunderhaltung von Umwelt und Biodiversität leistet.

Gastgeber Rudolf Bühler, Gründer und Vorsitzender der Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall, Stiftung Haus der Bauern, Akademie Schloss Kirchberg, Ecoland etc. stimmte auf die Öko-Marketingtage ein. Foto Karin Heinze, BiO Reporter International


Rudolf Bühler forderte in seiner Begrüßungsrede mehr politischen Willen und eine Pestizidsteuer. Es sei mehr notwendig als die Einhaltung der EU-Bio-Verordnung: Biodiversität, Umwelt- und Ressourcenschutz sowie ökologische Nachhaltigkeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette sowie Klima- und Tierschutz seien die Werkzeuge und gleichzeitig die Werte, mit denen die Bio-Branche, den Herausforderungen der Zeitenwende begegne. Diese Leistungen müssten endlich honoriert und vergütet werden, so Bühler.


Die Konsumenten in die Verantwortung nehmen

Dr. Alexander Beck, Geschäftsführender Vorstand Assoziation ökologischer Lebensmittelhersteller (AöL) machte in seinem Vortrag ‚Mehr ökologisch-soziale Marktwirtschaften wagen‘ deutlich, warum und wie das System verändert werden muss, um zum Ziel zu kommen: „Wirtschaft wird gemacht und nicht gedacht! Wir müssen uns trauen, die Konsumenten in die Verantwortung für die Zukunftsfähigkeit der Menschheit zu nehmen“. Das sei den Verbrauchern durchaus zuzutrauen, so Beck: „Liebe Konsumenten, ihr seid nicht Ziel unseres Wirtschaftens, sondern ihr seid Teil dieses


Alex Beck, AöL, Foto © Akademie Schloss Kirchberg, Jan Wagner (soilify.org)

Prozesses, denn es geht um unser aller Wohl und den Schutz unserer Erde.“ Die Branche müsse den Menschen ein Angebot machen, in diesen Prozess einzusteigen und Verantwortung zu übernehmen. „Dann haben wir gewonnen“, so Alex Beck. Das beinhalte auch „unser Handeln mit Verantwortung und Empathie für eine Zukunft wie wir sie uns wünschen und wie wir sie brauchen“, betonte er.


Märkte - Preise - Entwicklungen

Diana Schaack stellte die Entwicklungen auf dem deutschen und europäischen Öko-Märkten dar.

Foto © Akademie Schloss Kirchberg, Jan Wagner (soilify.org)


"Es ist noch viel zu tun", erklärte Diana Schaack, Marktanalystin für den Ökolandbau der AMI (Agrarmarkt Informationsgesellschaft). Um den Bio-Markt in Richtung 30% Marke zu bewegen, müssten viele Strukturen entlang der Wertschöpfungskette angepasst und in das passende Gleichgewicht gebracht werden. Es gebe noch keine Marktdaten für 2022, doch höre sie aus der Branche, dass die Umstellung stagniere, Mast- oder Legehennenställe nicht voll besetzt würden. Die hohen Kosten für Futtermittel, aber vor allem die hohen Preise auf dem konventionellen Markt führten dazu, dass das Preisgefüge und die vom konventionellen Markt unabhängige langfristige Preisgestaltung des Bio-Marktes ins Ungleichgewicht gerate. Das führe im schlechtesten Fall auch zu Rückumstellungen. In den europäischen Nachbarländern könne man ähnliche Entwicklungen auf den Bio-Märkten beobachten, zeigte Diana Schaack anhand von Zahlen für 2020 bis 2022.


Die Bio-Agrarkultur und -Lebensmittelwirtschaft ist die einzige resiliente Form eines zukunftsgerichteten Systems. Am ersten Tag der V. Öko-Marketingtage gaben Experten einen Einblick über die Situation auf dem Markt. Fazit: Bio ist bei der Mehrheit der Verbraucher verankert, denn sie wollen ihr Leben nachhaltiger gestalten. Marktforscher rechnen nach einer Konsolidierungsphase mit einem dynamischen Aufschwung. 30% Marktanteil sind allerdings nicht realistisch. Gastgeber Rudolf Bühler, Marktexpertin Diana Schaack (AMI) und Prof. Stephan Rüschen (DHBW) gewährten Einblicke in die aktuelle Lage und ihre Einschätzungen zur Entwicklung.


Best Practice Erzeugung, Verarbeitung, Großhandel

Diskussionsrunde v.l. mit Johannes Huober, Tankred Kauf, Oliver Freidler, Prof. Dr. Carolyn Hutter, Moderation (Duale Hochschule Baden-Württemberg) und Johannes Ehrnsperger. Foto Karin Heinze, BiO Reporter International


Erfolgreiche Beispiele wie verschiedene Bio-Akteure die Transformation und damit den Markt gestalten, stellten Johannes Ehrnsperger, Geschäftsleitung Neumarkter Lammsbräu, Johannes Huober, Geschäftsführer ErdmannHauser und BioGourmet, Tankred Kauf, Geschäftsführer Campo Verde, Marion Hoffmann, Geschäftsleitung Lehmann Natur und Oliver Freidler, Geschäftsleitung Alb-Gold vor. Ihre Kernthesen:

  • Wertschätzung statt Wertschöpfung praktizieren

  • Mehrwert von (Verbands) Bio kommunizieren

  • Gemeinschaft macht Unmögliches möglich (Wir)

  • Ohne Fachhandel wird es auch in Zukunft nicht gehen

  • Authentische, transparente, ganzheitliche Marken und ehrliche Produkte

  • Preisaktionen sind notwendig

Mehr Bio im LEH, ohne Feindschaft den Verbraucher für Bio begeistern

Diskussionsrunde v.l. mit Dr. Robert Poschacher, Geschäftsführer Naturkind-Konzept (EDEKA), Thomas Gutberlet, Geschäftsführer tegut, Marcus Wewer, Leitung Strategische Qualitätssicherung Bio-Eigenmarken REWE-Group, Kathrin Jäckel, Geschäftsführerin Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN), Prof. Dr. Peter Breunig, Hochschule Weihenstephan-Triesdorf (Moderation), Artur Findling, Geschäftsführer Einkauf Bio-Lebensmittel Kaufland und Inga Haubold, Bereichsverantwortliche Nachhaltigkeit dm (nicht im Bild) Foto Karin Heinze, BiO Reporter International


In den Bio-Strategie der Handelsformate (EDEKA, tegut, REWE, Bio-Fachhandel, Kaufland, dm) wurden die unterschiedlichen Level bei Sortimentsgröße, Kommunikationsstrategien und fairer Beschaffung recht deutlich. Thomas Gutberlet, tegut betonte u.a., dass deshalb eine gemeinsame Strategie nicht für alle funktionieren würde und plädierte dafür, als Unternehmen individuell zu agieren. Bei tegut bringe man mit dem ausgeprägten Bio-Sortiment, Premiumqualität und ideellen Werthaltungen den Kunden den Mehrwert von Bio nahe. Er stellte heraus, dass das Unternehmen tegut es über die vergangenen 30 Jahre (mit etlichen Rückschlägen) geschafft habe, sein Bio-Sortiment auf über 3000 Produkte auszubauen, die Kunden von der Bio-Qualität zu überzeugen und vielen eine Umstellung der Ernährung auf Bio Stück für Stück näherzubringen. Er wünschte sich, die "Feindschaft" zwischen Fachhandel und LEH abzubauen, vielmehr sollte die Chance genutzt werden, mehr Verbraucher von den Vorteilen von Bio zu überzeugen.


Wir halten am 30-Prozent-Ziel fest

Aus Berlin war Dr. Burkhard Schmied angereist. Der Abteilungsleiter Landwirtschaftliche Erzeugung, Gartenbau, Agrarsozialpolitik, Steuern, Agrarstatistik beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft stellte in seiner Rede ausführlich dar, welche Rahmenbedingungen im BMEL bereits geschaffen wurden bzw. geplant sind, um das Ziel 30% Bio zu erreichen. Er kündigte an, dass im Februar 2023, zur Biofach, die überarbeitete, erweiterte Fassung der Zukunftsstrategie Öko-Landbau vorgestellt und diskutiert werden soll, um sie bis zum Sommer im Kabinett zu verabschieden. Um den Absatz zu fördern, werde man vor allem die Umstellung der Außerhausverpflegung fördern mit einer entsprechenden gesetzlich verankerten Verordnung. Eine Info-Kampagne, die den Wert von Öko-Lebensmitteln, Aspekte der Gesundheit und der Nachhaltigkeit kommuniziert, sei geplant.

„Bio ist eine Antwort auf unsere planetaren Krisen, denn Bio steht für ein besonders widerstandsfähiges, ressourcenschonendes und umweltverträgliches Agrar- und Ernährungssystem. Deswegen halten wir am 30-Prozent-Ziel fest“.

Berliner Lighthouse-Projekt: Kantine Zukunft

Dinah Hoffman, Stellvertretende Projektleiterin, berichtete vom Berliner Projekt Kantine Zukunft und zeigte auf, wie die Transformation im AHV erfolgreich funktionieren und ein 60% Bio-Anteil in der Gemeinschaftsgastronomie erreicht werden kann.

Langfristige Begleitung auf Augenhöhemit den Akteuren in den Küchen sei unabdingbar, sagte Dinah Hoffmann. Das Projekt wird gefördert von der Stadt Berlin.


Video


Fazit und ergänzende Gedanken

Theresia Kübler, Landesvorständin Demeter BW,

Jan Plagge, Präsident von Bioland und IFOAM Organics Europe

Foto © Akademie Schloss Kirchberg, Jan Wagner (soilify.org)


Ausdrücklich keine Zusammenfassung sondern ergänzende Gedanken kündigte Jan Plagge, Präsident von Bioland und IFOAM Organics Europe an, der sich die Bühne mit Theresia Kübler, Landesvorständin Demeter Baden-Württemberg, teilte. Theresia Kübler, die sehr engagiert, verbandsübergreifend in der Bio-Jugend tätig ist, legte ihre Take-Aways dar: Im Hinblick auf das bereits Entstandene in der Bio-Bewegung, sehe sie das Ziele 30% Bio als Riesenchance. Es gehöre jedoch essentiell dazu, sich immer wieder die Werte ins Bewusstsein zu rufen und die "Verantwortung zu leben".

Jan Plagge, der die Tagung digital mitverfolgt hatte, fühlte sich von vielen Gedanken und Diskussionbeträgen inspiriert, hob jedoch insbesondere den Impuls aus dem Vortrag des Zukunftsdesigners Stephan Grabmeier hervor.

In ihren Redebeiträgen stellten die Referenten der V. Öko-Marketingtage auf Schloss Kirchberg ihre Vorschläge, Strategien und die wichtigsten Stellschrauben für das Erreichen von 30% Bio bis 2030 vor. Unter anderem sprachen dazu: Dr. Burkhard Schmied, BMEL, Dr. Alexander Beck, AöL, Hubert Heigl, Naturland/ BÖLW, Jürgen Mäder, Edeka, Jan Plagge, Bioland, Theresia Kübler, Demeter.


Bio-Frauen Netzwerktreffen

Im Anschluss an die Tagung gab es noch die Gelegenheit zu Exkursionen und es traf sich das Bio-Frauen-Netzwerk. Insgesamt war auf den Öko-Marketingtagen ein erfreulich hoher Anteil junger Frauen und Männer zu verzeichnen. Toll: Die nächste Generation zeigt Präsenz und bringt sich ein.

Publikum und Teilnehmerinnen des Bio-Frauen-Netzwerktreffens. Fotos © Akademie Schloss Kirchberg, Jan Wagner (soilify.org)



Autorin: Karin Heinze, BiO Reporter International


















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