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Folgen des Ukraine-Kriegs für Landwirtschaft und Ernährung

Der Krieg in der Ukraine betrifft uns auf vielen Ebenen. Eine Online-Veranstaltung zu der Martin Häusling, Mitglied im Agrar- und Umweltausschuss des Europäischen Parlaments, eine Expertenrunde eingeladen hatte, beleuchtete die Auswirkungen, die der Krieg auf Landwirtschaft und Ernährungssicherheit in Europa und weltweit bereits hat und mittel- und langfristig haben wird.


Die aktuelle bedrohliche Situation hat sich innerhalb kürzester Zeit aufgebaut. Ausfallende Getreidelieferungen aus der Ukraine und Russland, dadurch steigende Preise für Lebensmittel, aber auch für Treibstoff und Dünger sind neben der humanitären Katastrophe Folgen des Ukraine-Kriegs. Sie treffen uns in einer Zeit, in der die Versorgung der Menschen insbesondere in den Ländern des Globalen Südens nicht ausreichend gesichert ist und der Hunger wieder zunimmt. Die Klimakrise mit ihren Wetterextremen und zunehmenden Dürren nicht nur in (Ost)Afrika, sondern beispielsweise auch auf der Iberischen Halbinsel verschärfen die Lage zusätzlich. Die Experten diskutierten Szenarien und verschiedene Lösungsansätze.


Entwicklung des Weizenpreises von 2019 bis 8.März 2022 (Quelle: IDDRI)


Bedrohliche Szenarien

Aus der Ukraine kommen neben Weizen, Mais, Soja, Sonnenblumenkernen und anderen Ölsaaten - vieles auch in Bio-Qualität. Das kriegsbedingte Fehlen der Waren beeinträchtigt die derzeitigen Landwirtschafts- und Ernährungsmodelle in erheblichem Maße. Ein Report des Think Tanks für nachhaltige Transformation IDDRI (www.iddri.org) bewertet die Auswirkungen als „kolossal“: Die Betriebe der europäischen Viehwirtschaft nehmen, laut IDDRI, 60 % des in Europa verbrauchten Getreides und fast 70 % der Ölsaaten in Form von Kraftfutter auf, das zu einem großen Teil von den Weltmärkten importiert wird. Die Folgen, besonders außerhalb Europas, beträfen jedoch noch viel stärker die direkte Lebensmittelversorgung. Die Länder Nordafrikas und des Nahen Ostens seien in hohem Maße von Einfuhren abhängig (etwa 10 % ihres heimischen Getreidebedarfs werden importiert - 1/5 davon aus der Ukraine).


Gibt es schnelle Lösungen für die Ernährungssicherheit?

Stichwort Agrosprit: EU-Parlamentarier Martin Häusling war sich mit der Expertenrunde einig, dass vor allem ein Umlenken der bisherigen Produktion von Agro-Sprit in die Erzeugung von Lebensmitteln eine rasch wirksame Stellschraube zur Entschärfung der Krise sein könnte.

Das bestätigte auch Professor Sebastian Lakner von der Uni Rostock: Die Biokraftstofferzeugung umzulenken könne einen durchschlagenden Erfolg haben, zumal es um beträchtliche Größenordnungen gehe. Neun Prozent der weltweiten Pflanzenerzeugung wanderten in die Produktion von Agrosprit und Biogas. „Das ist eine Stellschraube“, sagte Professor Sebastian Lakner, Agrarökologe von der Uni Rostock (Bild).


Korrektur der verfehlten Agrar-Energiepolitik

Auch Hannes Lorenzen (Bild) von der europäischen Plattform ARC 2020 (die Organisation mit fast 160 Mitgliedsverbänden streitet für eine agrar-ökologischen Umgestaltung der EU-Agrarpolitik) sieht ebenfalls in der Korrektur der verfehlten Agrar-Energiepolitik der vergangenen Jahrzehnte einen Schlüssel. Sein Beispiel: die USA. Dort wandern zwar „nur“ 42 Prozent des Getreides in den Futtertrog (Deutschland: knapp 70 Prozent), dafür aber werden aus 48 Prozent der Cerealien Treibstoffe hergestellt. „Das muss man in Frage stellen“, sagte Lorenzen und sieht in diesen ungeheuren Mengen ein bedeutsames Potenzial zur Gegensteuerung. Auf dieses Potenzial (in Deutschland werden fast 18 Prozent der Ackerfrüchte zu Energie) setzt auch Europaabgeordneter Häusling, der zudem auf jene 57 Prozent des Getreides verwies, die hierzulande verfüttert werden. „Das muss sich ändern“ und müsse genauso beendet werden wie die nach wie vor bestehende Lebensmittelverschwendung. Über alle Stufen der Erzeugung „werfen wir 30 Prozent weg“. Das müsse so schnell wie möglich gestoppt werden.


Weniger Tiere - eine Lösung?

Andere Veränderungen wie eine Reduzierung der Fütterung von Getreide an Schweine, Rinder und Hühner wirkten eher mittel- und langfristig, seien aber vor dem Hintergrund einer wachsenden Weltbevölkerung und der Bekämpfung des Klimawandels unabdingbar. Aus Sicht von Häusling dürfe nicht mehr so viel Getreide in den Futtertrögen landen, sondern es müsse der menschlichen Ernährung direkt zugeführt werden. Häusling plädierte zugleich für eine deutliche finanzielle Unterstützung des World Food Programms der UN, um dem Hunger Einhalt zu gebieten.

Die Umsteuerung im Tiersektor benötige Jahre, um spürbar zu werden, erklärte Lakner. Auch Dr. Ophelia Nick, (Bild) parlamentarische Staatssekretärin im Bundeslandwirtschaftsministerium, wehrte sich gegen die Unterstellung, dass man aufgrund der aktuellen Lage Tierbestände rasch reduzieren wolle, um mehr Getreide für die direkte menschliche Ernährung zu erhalten. Richtig sei, dass man Tiere in der Kreislaufwirtschaft brauche. Klar allerdings sei auch, dass die Menge reduziert werden müsse. Gemeinsam mit den Bauern müssten Wege gesucht werden, um die Erzeugung flächengebundener zu gestalten, heißt es in einer Zusammenfassung der Veranstaltung.


Keine Aufweichung des Green Deals und der Farm-to-Fork-Strategie

Martin Häusling verlangte ein Ende der Diskussion um eine Aufweichung des Green Deals sowie der Farm-to-Fork-Strategie im Zusammenhang mit den durch den Krieg auftretenden Versorgungsproblemen. „Die von Bauernfunktionären geforderte Intensivierung geht nicht nur zulasten von Natur, Umwelt und Gesundheit, sie führt schon deshalb in die Irre, weil die konventionellen Landwirtschaftsmethoden riesige, inzwischen kaum noch bezahlbare Energiemengen verschlingen.“ Es gelte vielmehr, die Abhängigkeit Europas von Stickstoffdünger aus Russland und Weißrussland zu beenden. Stattdessen müsse endlich in der EU ein Eiweiß-Plan etabliert werden: Leguminosen zur Stickstoffversorgung sollten selbstverständlicher Teil jeder Fruchtfolge sein.


Link zur Aufzeichnung der Online-Diskussion am 9.3.2022


Klimakrise und Hunger bleiben bestehen


Dr. Christine Chemnitz, Agrarexpertin der Böll-Stiftung in Berlin, zeigte sich überrascht, wie schnell in der Debatte um fehlendes Getreide am Weltmarkt ein Umsteuern in der Landwirtschaft auf die Erfordernisse des Klimawandels als „Luxusdebatte“ bezeichnet wurde. Dies unterschlage, dass der Umbau der Landwirtschaft auch mit und nach dem Krieg zwingend nötig sei, denn „die Klimakrise bleibt bestehen“. Der Hunger der Welt könne auch nicht dadurch bekämpft werden, wenn in der Europäischen Union im Zuge der Agrarreform verankerte Flächenstilllegung von Agrarflächen um zwei Prozent weniger ausfalle. Diese Diskussion führe in die falsche Richtung. Der Hunger von zehn Prozent der Menschen sei ein strukturelles Problem: Armut, kein Zugang zu Land, fehlende Beratung, keine resilienten Ernährungssysteme, das seien die Gründe, nicht aber, ob in Europa Flächen wegen des erforderlichen Biodiversitätsschutzes brach lägen.


Autorin: Karin Heinze, BiO Reporter International in Anlehnung an die Presseinformation des Büros Martin Häusling

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