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Fridays For Future: “Wir streiken bis ihr handelt”

Maurice Conrad, Jahrgang 2000, ist Autor der Dokumentation “Wir streiken bis ihr handelt”, vor allem aber ist der Informatikstudent Klimaaktivist der ersten Stunde der deutschen Fridays For Future Bewegung und kennt den “Laden” in- und auswendig. Anhand der Geschichte von FFF analysiert er die Hintergründe der größten und erfolgreichsten globalen Jugendbewegung aller Zeiten. im Gegensatz zu anderen politischen Kampagnen hat FFF mit ihrer Initiatorin Greta Thunberg, in kürzester Zeit weltumspannenden Einfluss erlangt und erreicht nach wie vor Millionen von Menschen mit ihren Botschaften.

Das ist möglich durch hervorragende Strukturen, ein globales Netzwerk und die ausgeklügelte, professionelle Nutzung der Medienklaviatur, analysiert Conrad. Die Geburtsstunde der FFF Bewegung in Deutschland datiert der Autor auf den 19. Januar 2019, etwa ein Jahr nachdem Greta ihren Schulstreik begonnen hatte.


Maurice Conrad, der sich als Softwareentwickler und Grafiker mehr im Hintergrund der Bewegung betätigt, sieht den Erfolg in mehreren Tatsachen begründet: Die ProtagonistInnen seien alle als AntiheldInnen gestartet - “Fridays For Future ist jung, weiblich, divers und glaubwürdig”, damit hatte niemand in der Politik und in den Medien gerechnet. Die Botschaft “wir streiken bis ihr handelt” war zugleich so simpel wie einprägsam, und das Ziel des Protests klar definiert!, so Conrad. Weiterer Vorteil, die Professionalität im Umgang mit den Medien und der Fakt, dass die Forderungen bisher noch nicht an Dringlichkeit eingebüßt haben.

Conrad stellt fest, dass FFF weit über das Ziel des Protestes hinaus wirkt, denn die Bewegung habe die “etwas angestaubte Figur des Demonstrierenden neu belebt, poliert und in das Zeitalter von Instagram und TikTok übersetzt.” Mit über 540.000 Followern ist FFF im politisch-medialen Umfeld mit weit mehr als doppelt so vielen Followern als die erste Partei im digitalen "Verfolgerfeld" - Die Grünen - absoluter Spitzenreiter.

Zugute hält er auch, dass individuelle Freiheit bei FFF großgeschrieben wird: niemand müsse sich für sein unperfektes Verhalten rechtfertigen, keiner werde aufgefordert sein iPhone wegzuwerfen oder sich vegan zu ernähren, der alte Kampf System - versus Konsumkritik werde überwunden.


Erfolgsgeheimnisse

In ihren Anfängen sei es der deutschen FFF Bewegung zugute gekommen, dass sie auf in Deutschland bereits bestehende Umwelt- und Klimagruppen aufbauen konnte (Bsp Hambacher Forst). Viele AktivistInnen und führende Köpfe kommen aus Intellektuellen-Elternhäusern, die sie bestenfalls in ihrer “sinnstiftenden Jugendarbeit” unterstützen. Der holokratische Ansatz und das Regelwerk zur Struktur entpuppten sich ebenso als Erfolgsgeheimnis wie der Ansatz und Slogan “United behind the Science”, analysiert Conrad. Wobei der Schulterschluss mit der Wissenschaft in der Politik noch nicht bei allen vollen Rückhalt genießt und die Forderung nach dem 1,5 Grad Ziel noch nicht so ernst genommen wird wie es die Lage eigentlich erfordere. Zudem mangele es an der geeigneten Kommunikation, so Conrad.


In einem Exkurs über das Eingebundensein der FFF Bewegung in unsere Gesellschaft erläutert Conrad, dass das Recht zu Demonstrieren untrennbar mit der Demokratie verbunden ist. Gleichzeit jedoch sei das gegenwärtige Wirtschafts- und Gesellschaftssystem auch tief verflochten mit einem kapitalistischen Wachstumsmantra und profitgierigen Großkonzernen, die mit ihrer Lobby die notwendigen Maßnahmen zum Klimaschutz sabotierten, weil kurzfristige Erfolge zählten, langfristige Ausrichtung eher bestraft werde.



Einfühlsam und detailreich beschreibt Maurice Conrad den sozialen und politischen Werdegang von FFF vom 1-Personen-Protest zur größten, weltumspannenden Bewegung gegen die Klimakrise. In nur drei Jahren gelang dies, überwiegend erfolgreich. Doch der Autor benennt auch Konflikte und Interne Krisen wie z.B. den Generationenkonflikt oder die Reibungen, die in der Emanzipationsphase der unterschiedlichen For-Future-Ableger entstanden sind. Zurückkommend auf die Biografie der Bewegung und ihre anhaltenden Erfolge, schreibt Conrad, das bei allem ernsthaften Protest und harter politischer Arbeit FFF immer auch Gemeinschaftsgefühl und Spaß bieten müsse, um zu funktionieren und als Plattform für verschiedene Gruppen quer durch die Gesellschaft zu fungieren. Das geniale Konzept mit der starken authentischen Marke “ …For Future” sei sehr wertvoll, so Conrad, weshalb es umso wichtiger sei, die Marke klug einzusetzen.


Alles in allem eine großartige Analyse der Bewegung aus dem persönlichen Blickwinkel eines FFF-Aktivisten. Gleichzeitig auch ein "Lehrbuch" für erfolgreiches, zukunftsorientiertes Handeln für eine überfällige Transformation unserer Gesellschaft und Wirtschaft, ein Handbuch für die verantwortungsvolle Organisation und Strukturierung kreativer demokratischer Einflussnahme im digitalen Zeitalter, die im globalen Kontext Massen mobilisieren, politische Debatten ins Rollen bringen und politische Entscheidungsträger zum Handeln bringen kann.


Conrad schließt mit einem ungewöhnlichen Appell: “Sie sitzen noch vor einem Buch, das kein klassisches “Klima-Buch war. Nutzen Sie die Verwirrung und verwirren Sie sich, all Ihre Bekannten und bringen Sie uns gemeinsam in eine neue Dekade. Fridays For Future ist die vielleicht mächtigste soziale Bewegung der Gegenwart. Aber die Klimabewegung braucht uns alle: Sie, mich, Ihre Großeltern und Ihre Kinder."

Wenn wir mit FFF das fortführen, womit wir angefangen haben - die Rückeroberung der politischen Vorstellungskraft hin zu einer Utopie -, kann es noch richtig gut auf diesem Planeten werden. Dabei können wir nicht nur die Klimakrise bekämpfen, sondern die Welt auch in anderen Fragen zu einem gerechteren Ort umbauen. Wir zählen auf Sie.”

Das Buch ist erschienen im Westend Verlag, ISBN 978-3-86489-356-8, 190 S., 14,00€

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