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GMMs – Die Büchse der Pandora

Autorenbild: BiO ReporterIn
BiO ReporterIn
vor 10 Minuten
4 Min. Lesezeit

Neue Gefahr im Verzug. Jetzt sollen auch gentechnisch veränderte Mikroorganismen (GMM) dereguliert werden. Europaabgeordnete und verschiedene Fachmedien, die sich kritisch mit Gentechnik befassen, schlagen Alarm. Nach der Deregulierung der Gentechnik / Neuen Gentechnik berät das Europäische Parlament nun über einen neuen GVO-Rechtsrahmen für die Freisetzung gentechnisch veränderter Mikroorganismen. Bakterien, Pilze oder Viren, die bisher nur in geschlossenen Systemen bzw. Laboren gezüchtet wurden, sollen "ungeschützt" in die Umwelt entlassen werden. Mikroorganismen verhalten sich grundlegend anders als Pflanzen: Sie vermehren sich sehr viel rascher, breiten sich über große Entfernungen aus und tauschen kontinuierlich genetisches Material über Artengrenzen hinweg aus. Mit der Erlaubnis zur ungehinderten Freisetzung wird die Büchse der Pandora geöffnet, warnen Expert*innen. Schwerwiegende, wissenschaftlich belegte Gefahren für Umwelt und den Menschen werden zu Bedenken gegeben.


Das Webinar informierte von wissenschaftlicher Seite über die den Stand der Forschung und insbesondere über die Risiken sowie über den Status der Verhandlungen in der EU. (Screenshot Veranstaltungshinweis)
Das Webinar informierte von wissenschaftlicher Seite über die den Stand der Forschung und insbesondere über die Risiken sowie über den Status der Verhandlungen in der EU. (Screenshot Veranstaltungshinweis)

Der fast zweijährige Kampf der Bio- und Ohne-Gentechnik-Branche, die bestehenden EU-Regeln für Gentechnik (Kennzeichnung, Risikoprüfungen etc) auch für Neue Gentechnik (NGT) zu erhalten, war schließlich erfolglos – der Kommissionsvorschlag zur Deregulierung wurde, nach der Einigung im Trilog, mit knapper Mehrheit vom Parlament abgesegnet. Die neuen Regelungen treten 2028 in Kraft. Doch ein weiterer Vorschlag der EU-Kommission, der Biotechnology Act, den die EU-Gremien jetzt beraten, ist mindestens genau so schwerwiegend, wahrscheinlich noch weit gefährlicher. Obwohl der Vorschlag bereits ein Jahr auf dem Tisch liegt und sich Ministerrat und Umweltausschuss des Parlaments bereits positioniert haben, wüssten wenige von den Plänen der EU, die Freisetzung gentechnisch veränderter Mikroorganismen (Bakterien, Viren, Archaea, Mikroalgen, Pilze) in die Umwelt zu fördern und die Sicherheitsvorschriften sowie die Transparenz zu lockern, warnt Benny Haerlin von Save our Seeds (SOS). Der Vorschlag beinhaltet unter anderem das Wegfallen der Verpflichtung, nach zehn Jahren die Zulassung zu erneuern. Zudem sollen die Anforderungen hinsichtlich der Risikobewertung und des analytischen Nachweises gelockert und eine neue Kategorie sogenannter „GVM mit geringem Risiko“ geschaffen werden, für die die regulatorischen Anforderungen weiter gelockert werden könnten, berichtet SOS.


Webinar Panel der EU-Abgeordneten MEP Marta Temido (S&D, fehlt auf Foto) und MEP Martin Häusling (Grüne) Panel: : Franziska Achterberg, SOS, Moderation, Prof. Gabriele Berg, Technische Universität Graz, Dr. Stephanie Jurburg, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, Prof. Katja Tielbörger, Universität Tübingen und Dr. Christoph Then, Testbiotech (Screenshot Karin Heinze)
Webinar Panel der EU-Abgeordneten MEP Marta Temido (S&D, fehlt auf Foto) und MEP Martin Häusling (Grüne) Panel: : Franziska Achterberg, SOS, Moderation, Prof. Gabriele Berg, Technische Universität Graz, Dr. Stephanie Jurburg, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, Prof. Katja Tielbörger, Universität Tübingen und Dr. Christoph Then, Testbiotech (Screenshot Karin Heinze)

Mikroorganismen sind komplex und oft „terra incognita“

Haerlin schreibt: „Mikroorganismen sind die ältesten und mit Abstand vielfältigsten Lebensformen. Wir alle sind von ihnen abhängig und verfügen – wie jeder Organismus – über ein komplexes Mikrobiom, das etwa die Hälfte aller unserer Zellen ausmacht. Allerdings sind Mikroorganismen wahrscheinlich das größte Stück „terra incognita“ in der Biologie. Wir kennen nur einen kleinen Prozentsatz von ihnen und verstehen sehr wenig über ihre Wechselwirkungen und Funktionen. Was wir wissen, ist, dass sie in großem Umfang genetische Informationen austauschen, sich innerhalb von Minuten vermehren und ihre Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt enorm sein können.“ Wenn sich Mikroorganismen in offenen Ökosystemen – einschließlich unseres eigenen Körpers – etablieren, können sie dort fortbestehen, unabhängig davon, ob dies beabsichtigt ist oder nicht. Haerlin bittet um Unterstützung eines Aufrufs von Wissenschaftlern an die EU-Institutionen, der diese zur Beachtung des Vorsorgeprinzips aufruft. (Link)


Alarmierte Wissenschaft warnt vor Auswirkungen und fordert Sicherheitsregeln 

In einem Webinar der EU-Abgeordneten MEP Marta Temido (S&D) und MEP Martin Häusling (Grüne) erklärten die Wissenschaftlerinnen Prof. Gabriele Berg, Technische Universität Graz, Dr. Stephanie Jurburg, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, Prof. Katja Tielbörger, Universität Tübingen und Dr. Christoph Then, Testbiotech, die Zusammenhänge und erläuterten die Risiken und Gefahren. Die Aufzeichnung des Webinars ist hier zu finden  https://www.martin-haeusling.eu/termine/webinar-gentechnisch-veraenderte-mikroorganismen-chancen-und-risiken  



Marta Temido ist Berichterstatterin des Europäischen Parlaments für den Vorschlag einer neuen Richtlinie über das Inverkehrbringen genetisch veränderter Organismen, den sogenannten Biotech Act. Sie plädiert für die unbedingte strikte Einhaltung des Vorsorgeprinzips bei Biotechnologie und Gentechnologien, für Transparenz und Rechenschaftspflicht, mit dem Ziel, ein hohes Schutzniveau für die menschliche Gesundheit, die Tiergesundheit und die Umwelt zu gewährleisten.

Martin Häusling, Verhandlungsführer der Grünen im Umweltausschuss, begrüßt zentrale Verbesserungen in der kürzlich verabschiedeten Stellungnahme des Umweltausschuss des Europäischen Parlaments zum Biotech Act I der Europäischen Kommission, sieht jedoch weiterhin erhebliche Kritikpunkte bei der regulatorischen Vereinfachung. Er kommentiert: „Europa muss bei Biotechnologie Innovation und Schutz zusammenbringen. Der Biotech Act darf nicht zu einem Deregulierungsgesetz werden. Neue Technologien können enorme Chancen bieten – aber sie müssen sicher sein und dürfen nicht auf Kosten von Umwelt, Tierwohl oder menschlicher Gesundheit gehen.“


Über ein  Beispiel berichtet Save our Seeds: Das in den USA zugelassenen Präbiotika "Lumina" https://www.saveourseeds.org/briefings/issue-brief-lumina-gm-probiotic/
Über ein Beispiel berichtet Save our Seeds: Das in den USA zugelassenen Präbiotika "Lumina" https://www.saveourseeds.org/briefings/issue-brief-lumina-gm-probiotic/

Dem pflichtet die Wissenschaftlerin Prof. Gabriele Berg, von der TU Graz bei: „Wir haben eine Risiko-Nutzen-Abwägung für die GMMs durchführen lassen und 200 Fachleute aus den Bereichen Mikrobiom- und Umweltwissenschaften von Universitäten, Forschungszentren und der Industrie befragt; die Hälfte von ihnen sieht das Potenzial, aber 94 äußerten große Bedenken hinsichtlich ökologischer Risiken und Unsicherheiten.“ Es sei deutlich, dass Mikroorganismen im Vergleich zu transgenen Pflanzen noch weitaus gefährlicher sind. Ihr Verhalten in Ökosystemen sei weitgehend unerforscht und sobald sie freigesetzt sind, sei es schwierig bis unmöglich, sie wieder zurückzuholen.

 

Sicherheit und Nachhaltigkeit müssen Priorität haben 

Prof. Katja Tielbörger, Universität Tübingen, appelliert: „Sicherheit geht vor. Wenn wir diese Methoden entwickelt  haben, sollten sie von Fall zu Fall angewendet werden, um die Umweltrisiken und den Nutzen dieser Mikroorganismen zu bewerten, bevor ihnen Kategorien wie QPS, „geringes Risiko“ oder „bedenkliche Gene“ zugewiesen werden. Als nächster Schritt: Nachhaltigkeit. Nur wenn kein Risiko besteht, viele Vorteile zu erwarten sind und, was am wichtigsten ist, es keine besseren Alternativen gibt –, erst dann, darf es eine Zulassung geben.“ Tielbörger hat den Aufruf an die EU-Institutionen (Link) mit ins Leben gerufen.

 

Weitere Informationen auf der Website von Martin Häusling https://www.martin-haeusling.eu/themen/agrarpolitik/agro-gentechnik

Weitere gentechnisch veränderte Bacillus thuringiensis-Produkte, eines des deutschen Unternehmens BASF und eines des chinesischen Unternehmens Wuhan Keno Biotechnology Co. 


Autorin: Karin Heinze, BiO Reporter International

 
 
 

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