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Pestizide sind überall - Bestandsaufnahme und Forderungen

Ein Panel von Experten stellte in einem zweistündigen Webinar, organisiert vom Bündnis für enkeltaugliche Landwirtschaft und vom Büro Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im EU-Parlament, den Status Quo und Perspektiven der Pestizidverwendung in der Landwirtschaft dar. Diskutiert wurden aktuelle Missstände in den Richtlinien und geplante Verbesserungen. Fazit der Veranstaltung: Synthetische Pestizide sind omnipräsent, bis hin zur Muttermilch und Gehirnflüssigkeit von Säuglingen, ihre Toxizität schädigt Mensch, Tier und Natur - so weit so erschreckend. Im Rahmen des Green Deal und der Farm to Fork Strategie will die EU-Kommission den Pestizideinsatz in Europa bis 2030 halbieren. Die Veröffentlichung der entsprechenden Verordnung wurde aufgrund des Ukraine-Krieges auf Ende Juni verschoben.

Chart Bündnis Enkeltaugliche Landwirtschaft, Methodik der Studie zum Ferntransport von Pestiziden


Hohe Kosten für die Gesellschaft und unzulängliches Zulassungsverfahren

Lisa Tostado von der Heinrich-Böll-Stiftung (EU), die auch den Pestizid-Atlas www.boell.de/de/pestizidatlas herausgibt, moderierte und gab eingangs einen Überblick, welche Themen im EU-Webinar beleuchtet werden: Woher rühren Pestizideinträge, wie verbreiten sie sich und welche Folgen haben die Ackergifte. Das stellte sehr eindrücklich Martin Dermine vom Pesticide Action Network, PAN Europe dar. Pestizide seien die einzigen Giftstoffe, die bisher unkontrolliert großflächig auf unsere Böden und Nahrungsmittel ausgebracht werden dürfen. Ein völlig unzulängliches Zulassungsverfahren schränke den Gebrauch von massiv toxischen Ackergiften kaum ein und selbst wenn es in der Vergangenheit zu einem Verbot eines Mittels gekommen sei, ließen sich die Stoffe noch Jahrzehnte später in der Umwelt nachweisen. Wenig diskutiert würden auch die Kosten, die Pestizide verursachen. Dermine bezifferte sie auf jährlich etwa 2,3 Mrd. Euro für die Bevölkerung der EU, die mit Steuern u.a. für die Reinigung des Trinkwassers aufkommen muss. Die Erzählung der Pestizid-Industrie, dass es eine sichere Verwendung von Ackergiften gebe, sei ein Mythos. Dermine betonte: „Agrarökologie ist profitabler, resistenter und macht die Betriebe unabhängiger von Märkten und Subventionen“, das sei bewiesen.


Panel v.l.: Lisa Tostado, Johanna Bär, Martin Dermine, Johannes Heimrath, Martin Häusling, Andrew Owen-Griffith, Stephan Paulke


Ferntransports von Pestizid-Wirkstoffen über die Luft

Johanna Bär, Geschäftsführerin des Bündnisses für eine enkeltaugliche Landwirtschaft, die 2019 vom BEL gemeinsam mit dem Umweltinstitut München veröffentlichte Studie zur Pestizidbelastung in der Luft vor. Sie ist das bisher umfassendste deutschlandweite Monitoring des Ferntransports von Pestizid-Wirkstoffen über die Luft. Hierbei wurden an 163 Untersuchungsstandorten insgesamt 138 Pestizide nachgewiesen. Die gesundheitlichen Auswirkungen, so Bär, seien bisher weitgehend unerforscht. Zudem habe der Ferntransport von Pestiziden fatale Folgen für Umwelt und Biolandwirtschaft.

Auf ein schwerwiegendes Problem wies Johannes Heimrath, Vorstandsmitglied und Mitbegründer des BEL und der Bürgerinitiative Landwende, hin: „Ackergifte töten nützliche Mikroorganismen – das gilt auch für diejenigen, die sich im Mikrobiom der menschlichen Lunge befinden. Welche Auswirkungen das hat, ist so gut wie völlig unerforscht.“ Solange diese Daten nicht vorliegen, so Heimrath, müsse das Vorsorgeprinzip gelten, und Pestizide, deren Verbleib auf den Äckern nicht erwiesen ist, verboten werden. Dr. Peter Clausing von PAN Germany unterstützte die Aussage Heimraths und wies ebenfalls auf massive Wissenslücken hin, sowie auf die Tatsache, dass die Lunge keine Filterfunktion für Schadstoffe habe wie die Leber.


Screenshot aus dem Vortrag von Johanna Bär, BEL

Bio-Branche trägt zu unrecht die hohen Kosten

Auf die hohen Kosten, die neben allen Steuerzahlern vor allem auch Bio-Betrieben entstehen, ging Stephan Paulke, Geschäftsführer des Bio-Herstellers EgeSun ein. Allein bei EgeSun bezifferte er die Kosten für Rückstandsuntersuchungen jährlich mit über 200.000 Euro. Es könne nicht sein, so Paulke, dass die Beweislast bei Kontaminationen, wie bisher üblich, allein bei den Bio-Betrieben liege. „Die Pestizidindustrie muss dringend für die verursachten Schäden der BiolandwirtInnen aufkommen“, forderte er, denn das Koexistenzrecht für Bio-Betriebe sei aufgrund des Ferntransports von Pestiziden durch die Luft nicht gewährleistet.

Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament und Mitglied im Umweltausschuss, der sich schon seit Jahren für eine Agrarwende einsetzt, betonte: „40% des Pestizideinsatzes sind völlig sinnlos. Der Einsatz von Pestiziden muss die Ausnahme sein und nicht die Regel.“ Die drastische Reduzierung von Pestiziden sei eine dringende Notwendigkeit. In Bezug auf das Zulassungsverfahren erklärte Häusling: „Wir sind weit weg von einem Zulassungsverfahren, das sicher genug ist, dass man sich darauf verlassen kann.”

Bündnis für Enkeltaugliche Landwirtschaft der Bio-Branche "Ackergifte? Nein danke"


Vorschlag zur Verordnung der Pestizidreduktion verschoben

Der Vertreter der Europäischen Kommission, Andrew Owen-Griffiths, erklärte zur neuen Verordnung zur Nachhaltigen Verwendung von Pestiziden im RAhmen der Farm to Fork Strategie: „Wir werden die Verordnung nicht verwässern. Der Vorschlag zur Verordnung steht fest und es wird keine Änderungen mehr geben.“ Die Anschuldigungen, dass die Veröffentlichung der Verordnung aufgrund des Drucks der Agrarlobby verschoben wurde, wies Owen-Griffiths ab. Die Verschiebung hätte lediglich mit der Priorisierung aufgrund des Ukraine-Kriegs zu tun. Mit der Veröffentlichung könnte man voraussichtlich am 22. Juni rechnen, auf jeden Fall jedoch vor der parlamentarischen Sommerpause.


Appell an Politik und Industrie

Johanna Bär erklärt im Schlusswort: „Unsere Studie stellt die Grundlage für eine Veränderung dar. Das Thema des Pestizidausstiegs muss endlich im gesellschaftlichen und politischen Alltag ankommen. Wir hoffen, dass die EU-Kommission die richtigen Entscheidungen trifft und die Ziele der Farm-to-Fork Strategie nicht verwässert.“ Neben der Politik appelliert BEL-Vorstand Johannes Heimrath außerdem an die Industrie:

„Wenden Sie doch ihr Paradigma einfach um. Weg von der Kampfmetapher in die Sorgemetapher, also von der Pathogenese zur Salutogenese. Finden Sie Dinge, die nähren und schützen, anstatt dass sie töten und vernichten.”

Aufzeichnung des Webinars auf YouTube https://youtu.be/7EqaiJrY2Ck



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