Tegut… ist Geschichte

Aktualisiert: vor 9 Stunden
tegut … gute Lebensmittel ist Vergangenheit. Der Name verschwindet vom Markt. Die von Familie Gutberlet 1947 gegründete Supermarktkette war mit rund 300 Märkten überwiegend in Hessen vertreten – die Firmenzentrale ist in Fulda, Aber auch in Thüringen, Bayern und drei weiteren Bundesländern gab es tegut-Märkte. Das Unternehmen setzte auf ein qualitativ hochwertiges Sortiment mit vielen regionalen Angeboten und führte bis zu 4600 Bio-Produkte. Tegut engagierte sich aus Überzeugung u.a. für Regionalität, für Bio und gegen Gentechnik. Seit 2013 gehörte das Familienunternehmen zum Schweizer Handelsimperium Migros. Das kündigte im März 2026 das Aus für die hochverschuldete deutsche Supermarktkette an. Was bedeutet das Verschwinden für den Gesamtmarkt?

Die Vielfalt im deutschen Lebensmitteleinzelhandel schrumpft weiter
Ein trostloses Bild: Abverkaufsaktionen mit 50% bis 75% Rabatt sorgten dafür, dass die tegut-Filialen innerhalb weniger Tage leergekauft waren. Ende Oktober werden alle tegut-Märkte in Deutschland für immer ihre Türen schließen. Die Nachfolge tritt für ca 180 Geschäfte Edeka an, ca 50 davon gehen an die Discounttochter Netto. Knapp 40 Filialen übernimmt Rewe und 36 ländliche Standorte übernimmt das Bürgergenossenschafts-Projekt Tante Enso, wo Thomas Gutberlet, Enkel des Tegut-Gründers, seit einem knappen Jahr Geschäftsführer ist. Aus der Tegut-Geschäftsführung hatte er sich 2023 nach einem von Migros angekündigten massiven Sparplan zurückgezogen. 2013 hatte der Schweizer Lebensmittelkonzern tegut als hochverschuldetes Unternehmen übernommen und wollte es sanieren.
Vom Tegut-Aus sind, laut Migros, 7.400 Mitarbeiter:innen betroffen. Die Schweizer teilen mit, dass die Arbeitsplätze in den Märkten erhalten bleiben sollen. Wieviele Mitarbeitende in der Zentrale in Fulda, in der Logistik und der Herzberger Bäckerei weiter beschäftigt werden, ist noch unklar. Auch konnte für einige Tegut-Standorte kein Nachfolger gefunden werden, sodass die Schließung besiegelt ist.
Das Kartellamt hat, trotz der weiteren Konzentration im deutschen Lebensmittelhandel, dem Verkauf von rund 270 tegut-Filialen an Edeka und Rewe zugestimmt.

Münchner Filialist Vollcorner legt Beschwerde bei OLG ein
Paul Pfaff (2.Generation) Inhaber und Geschäftsführer des Bio-Supermarkt-Filialisten Vollcorner mit 21 Filialen in München Stadt und Landkreis erklärt: "Wir halten es für falsch, dass das Bundeskartellamt die Übernahme dieser Tegut-Märkte (ehemalige Basic-Filialen) durch Edeka freigegeben hat und haben deshalb Beschwerde beim OLG Düsseldorf eingelegt." Laut Bundeskartellamt entfielen 2025 bundesweit bereits mehr als 90 Prozent der Umsätze im Lebensmitteleinzelhandel auf die vier großen Handelsgruppen. Auch die
Monopolkommission warnt vor zunehmender Marktmacht und fordert eine strengere
Fusionskontrolle, heißt es in der Presseerklärung des Bio-Filialisten. VollCorner teile diese Sorge, stützt seine Beschwerde aber auf die eigenen und externen Untersuchungen der Münchner Wettbewerbsverhältnisse. „Als lokal verwurzeltes Unternehmen kämpfen wir um unseren Platz in einem Markt, der sich immer weiter konsolidiert“, erklären Pfaff und Berktold (2.Geschäftsführer). „Vielfalt ist uns im Regal ebenso wichtig wie in der Handelslandschaft." VollCorner fordert eine genauere Prüfung der örtlichen Einzugsgebiete und schlägt als Lösung vor, einzelne Tegut-Filialen an kleinere eigenständige Händler abzugeben.

Das Aus nach 80 Jahren als qualitätsorientierter Lebensmittelhändler
Gegründet wurde das Familienunternehmen 1947 von Theo Gutberlet als „Thegu“. Nach verschiedenen Umbenennungen, übernahm 1973 der Sohn des Gründers, Wolfgang Gutberlet, die Geschäfte. 1972 entstand eine eigene Wurst- und Fleischverarbeitung KFF Kurhessische Fleischwaren Fulda GmbH (existiert nicht mehr) als Tochterunternehmen. Ab 1982 engagiert sich tegut für den Anbau und die Vermarktung von Bio-Lebensmitteln und gründete 1996 als weiteres Tochterunternehmen die Bio-Bäckerei herzberger Bäckerei GmbH. 1989 wurde das gesamte Unternehmen in eine Stiftung überführt. Erst 1998 wurde das Unternehmen in tegut… gute Lebensmittel umbenannt. Thomas Gutberlet, der Enkel des Firmengründers und Sohn von Wolfgang Gutberlet, der das Unternehmen maßgeblich geprägt hat, übernahm Ende 1997 die Geschäftsleitung (bis Ende 2024).
Tegut´s Bio-Umsatz wird fehlen

Während der maximalen Expansion auf 347 Filialen 347 und 8380 Mitarbeitenden, erwirtschaftete tegut 1,26 Milliarden Schweizer Franken (ca 1,3 Mrd Euro). Dazu dürfte auch die Übernahme von 19 Basic-Filialen, der Firmenzentrale und aller 500 Mitarbeitenden 2023 beigetragen haben. Allerdings konnte weder dies noch das von Migros verordnete Sparprogramm (Stellenabbau, Filialschließung) die Verluste, die seit der Übernahme durch Migros im Jahr 2013 rund 600 Millionen Euro Verlust betrug, nicht aufhalten. Allein im vergangenen Jahr lag der operative Verlust bei ca. 26 Millionen Franken (ca. 30 Millionen Euro). Die Migros ließ im Frühjahr 2026 verlauten, dass eine umfassende Analyse der Situation gezeigt habe, "dass Tegut unter diesen Bedingungen mit der spezifischen Positionierung und der vergleichsweise kleinen Unternehmensgröße langfristig wirtschaftlich nicht zukunftsfähig" sei. Migros macht auch das schwierige Marktumfeld im deutschen Lebensmittelhandel, den harten Preiskampf und der den Druck der Mitbewerber Edeka, Rewe, Aldi, Lidl für die wirtschaftliche Schieflage von tegut verantwortlich. Kann der Verlust von Tegut´s hohem Umsatz mit Bio-Produkten von den Nachfolgern aufgefangen werden? Es wird sich zeigen und im und wohl im Bio-Gesamtumsatz niederschlagen.

Schade um das tegut-Konzept

Noch 2020 erhielt tegut den Innovationspreis des Handels, 2022 den Retail Award des Fruchthandels als Nr. 1 für Obst & Gemüse, die Auszeichnung „Great Place to Work“ sowie verschiedene andere Preise. Tegut setzte stark auf eigene Verarbeitungsbetriebe wie die Herzberger Bäckerei (bio), die Rhöngut Fleischverarbeitung und auf acht tegut Eigenmarken, rund 1400 Artikel, in vielen Warengruppen. Außerdem war die Zusammenarbeit mit über 100 regionalen Erzeugerbetrieben wichtig, viele darunter Bio-Betriebe, denen der Umsatz jetzt fehlen wird. Insgesamt bot tegut bis zu 4.600 Bio-Produkte an, die im Gesamtsortiment von 24.000 Produkten, für bis zu 30 Prozent des Umsatzes verantwortlich waren.
Tegut war immer gut für Innovationen: Der Selbstbedienungsladen, „teo“, ein digitaler, nachhaltiger 24-Stunden-Kleinstladen (50 m²) mit rund 900 Produkte für den täglichen Bedarf, ging Ende 2020 an den Start. Anfang 2024 gab es 39 dieser teo-Märkte. Das Konzept exportierte die Migros sogar in die Schweiz.
Autorin: Karin Heinze





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